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„Nichts Neues, nur mehr“, fasst Jürgen Kaube, Ressortleiter Geisteswissenschaften der FAZ, den digitalen Wandel zusammen. Eher unfreiwillig trifft er damit den Kern der Tagung „(Digital) Humanities Revisited“, die die Volkswagenstiftung von 5. bis 7. Dezember 2013 im Herrenhäuser Schloss in Hannover abhielt. Kaube sorgte mit seiner Polemik nicht nur für ein paar Lacher während der ansonsten unerheblichen Podiumsdiskussion am Abend des zweiten Tages; auch gab er mir die Richtung vor, wie ich das einzuordnen hatte, was sich da in der von Sturm Xaver umtosten Wohlfühl-Atmosphäre des Schlosses abspielte:

Digital Humanities, so habe ich das verstanden, meint gegenwärtig offenbar die Auseinandersetzung mit Text- oder Bildmengen im BigData-Ausmaß mit Hilfe spezifischer Analyse-tools. Egal ob Keynote, Lightningtalk oder Workshop – immer ging es um das Finden von styles and patterns innerhalb riesiger Textkonvolute, der Zusammenstellung einer Vielzahl einzelner Ereignisse in maps und graphs (und bestimmt auch trees) und zwangsläufig auch immer mal wieder um die Archive, Datenbanken und Softwares, die solche Forschung erst ermöglichen. Meistens macht man das auf Englisch.

Wenig erstaunlich, dass die Corpus Linguists eine große Fraktion bildeten: Da ging es um die Frage, wie polnisch das Englisch des gebürtigen Polen Joseph Conrad war oder um den Versuch, Kafkas Unergründlichkeit an den Adverbien festzumachen. Im Gegensatz dazu stellte der russisch-amerikanische Medientheoretiker Lev Manovich schon zu Beginn seines Vortrags klar: „I don’t count!“ Ihn beschäftigen stattdessen die Erkenntnispotentiale der visual analytics, die er anhand eines digitalen Ritts durch die Titelblätter des Hawaian Star von 1893-1912 eindrucksvoll unter Beweis stellen konnte.

Zweifellos, das macht Sinn, das ist interessant, das funktioniert – da wo quantitative Ansätze schon immer Sinn gemacht haben und die digitalen Möglichkeiten eine erhebliche Erleichterung bedeuten. Aber auch da, wo wie bei Manovich aus den digitalen Darstellungsmöglichkeiten neue Fragestellungen entstehen. Ich aber, die das Digitale weniger als Verwirklichung meiner (nicht vorhandenen) BigData-Träume sehe, sondern es als wesentlichen Teil der gegenwärtigen Kultur untersuchen möchte, kann daraus wenig Inspiration ziehen. Der Bildwissenschaftler Horst Bredekamp ist da auf meiner Seite. Er fordert, dass die Digital Humanities sich nicht nur auf tools, sondern auch auf ihre eigene Geschichte und den damit verbundenen kulturellen Wandel besinnen sollten. Bredekamp attestiert ihnen, wie dem Digitalen überhaupt, „notorischen Präsentismus“ und untermauert seine These mit dem Hinweis auf eine Tagung aus dem Jahr 1984, die exakt unter derselben Überschrift gestanden habe.

Schade nur, dass Bredekamp und sein Mitstreiter auf Seiten der traditionellen Geisteswissenschaftler, Literaturhistoriker Thomas Anz, erst dann zu Wort kamen, als die Digital Humanists mit ihrer Leistungsschau schon so richtig rangeklotzt hatten. Denn das können sie ja: präsentieren, vermitteln, ja vielleicht sogar begeistern. Und genau das, sollten die traditionellen Geisteswissenschaftler sich unbedingt von ihnen abschauen. Vielleicht nicht unbedingt die Sache mit den privaten Schnappschüssen in der Präsentation wie bei Viktor Mayer-Schönberger, aber doch die Auseinandersetzung mit der niederschwelligen Vermittlung der eigenen Gegenstände, Interessen und Ergebnisse. Man muss nämlich kein Digital Humanist sein, um einen WordPress-Blog zu starten. QED.

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