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Um es gleich vorweg zu sagen: Ich bin durchs Studium gekommen, ohne dass jemals irgendwer auf die Idee gekommen wäre, mich mit irgendwas zu fördern. Wieso auch, gute Noten sind in den Geisteswissenschaften sicher kein Alleinstellungsmerkmal, dazu war ich mit meiner etwas unsteten Bildungsbiographie kaum je länger als drei Semester an einem Ort. Ich hatte dann irgendwann einen HiWi-Job und es gab ja noch das sommerliche Kellnern daheim im Bierzelt. Das war schon ok so.

Nun trug es sich kürzlich zu, dass ich dennoch in den Genuss kam, einen ganzen Abend im illustren Kreis der deutschen Wissenschaftselite zu verbringen – eine Soirée der Studienstiftung, eingeladen waren Studenten und Promovenden der Geisteswissenschaften, und ich, die sich als schmückendes Beiwerk reingemogelt hatte.

„Ich grüße Sie!“, eilt der erste Studienstiftler im zugeknöpften Karohemd mit ausgetrecktem Arm auf mich zu. „Konstantin mein Name, Student der Philosophie. Ich bin erst im Bachelor, aber wenn ich den abgeschlossen habe, schließe ich gleich meinen PhD an.“ Chill dein Leben Alda! -, denk ich mir, erstaunt darüber, wie schnell die Minderwertigkeitskomplexe hier auf den Tisch kommen. Vielleicht hat er in einem Kommunikationsseminar an irgendeinem See im Berliner Umland gelernt, dass man seine ‚Schwächen‘ (welche?) lieber vorauseilend thematisiert und das nicht seinem Gesprächspartner überlässt. Vielleicht hält er mich in dem dunklen, hochgeschlossenen Kleid, das mir sonst immer zu bieder ist, auch für eine zu beeindruckende Juniorprofessorin der altphönizischen Geschichte. Ich kläre ihn auf. Literaturwissenschaft, Internet, Blogs – dazu fällt ihm jetzt nichts ein. Macht nichts, denn ein cordbeanzugter Anfangzwanziger („kurz vor Beginn seiner Promotion über Goethes Farbenlehre“) hat sich zu uns gesellt und lässt sich nicht lumpen über den drohenden Verfall der Geisteswissenschaften zu dozieren. „Schlimm, wenn man in der Wahl seines Forschungsgegenstands so nach der Mode gehen muss.“

Hat der Typ das Internet gerade als ‚Mode‘ bezeichnet?! „Außerdem“, er fasst mich mit einer ekligen Mädschen-isch-sach-dir-wie-der-Hase-läuft-Geste am Arm, die man mit Thomas Gottschalk gestorben glaubte: „Das ist ja ein echter Karrierekiller, was du da machst. Man muss immer daran denken, dass die Leute, die einen später berufen, sich mit den Sachen auskennen sollten, die man gemacht hat.“ Ach du lieber Gott! Ich antworte, dass ich ja gar nicht sicher sei, ob ich an der Uni bleibe, ab September Volontariat im Verlag… „Ach so… ja und wahrscheinlich willst du auch Familie?“

Noch bevor ich entscheiden kann über welche Unverschämtheit ich mich zuerst aufrege, wanken zwei dekadent-verladene Gestalten in unseren Gesprächskreis. „Wiiiiitzig! Wir haben grade festgestellt, dass unsere beiden Väter Profs sind!“ „Meiner auch!“, hallt es aus verschiedenen Ecken durch den Raum. Wiiiitzig, echt, wasn Zufall! Das „Lassen sie mich durch, ich bin Arztsohn“, das Florian Kessler kürzlich für den Literaturbetrieb ausgerufen hatte, scheint für die Aufnahme in die Studienstiftung nicht zu genügen, Professoren müssen die Eltern schon sein.

Ich weiß, dass das nicht stimmt. Eigentlich stimmt es sogar gerade in Bezug auf die Leute aus meinem näheren Umfeld, die in der Studienstiftung sind, nicht. Die sind einfach sehr gut. Die normal guten Professorenkinder, mit denen ich es dem Eindruck nach intellektuell hätte aufnehmen können, verfügen aber über einen entscheidenden Vorteil gegenüber mir Nicht-Akademiker-Kind: eine straighte Studienbiografie, die der Studienstiftung als Auswahlkriterium taugt und die eben kaum zu realisieren ist, wenn man ‚Germanistik‘ mit dem Deutschunterricht assoziiert und Philosophie mit dem Esoterikregal im Buchladen; wenn man einfach niemanden kennt, der studiert hat und nicht Arzt, Lehrer oder Pfarrer geworden ist. Es geht hier um ein Insiderwissen, einen Habitus, den man sich als Nicht-Professorenkind eben erst antrainieren muss, wofür schon mal zwei Semester Lehramt oder Fratzenschneiden (der Begriff meines Vaters für Theaterwissenschaft) oder BWL draufgehen können.

Auch wenn der Eindruck entsteht: das hier ist nicht die ätzende Aburteilung einer Ausgestoßenen, einer, die es eben nicht geschafft hat. Je länger der Abend dauert, bin ich eigentlich ganz froh, dem entgangen zu sein („Ach, du bist auch in Therapie?! Wiiiiitzig!“). Dem ganzen Gernegroß-Getue und dem sozialen Druck, zu reden und sich zu kleiden wie die eigenen Großeltern (nach denen man, Familientradition, benannt ist). Dieses mit der Muttermilch aufgesogene Selbstbewusstsein, zur Geisteselite zu gehören, ist nicht wirklich erstrebenswert. Zwar sind dem Studienstiftler elterliche und eigene Zweifel am Studienfach wohl eher fremd; innovative Herangehensweisen und Fragestellungen abseits des Kanons aber offenbar auch. Es ist vielleicht kein Wunder, dass unter meinen Kolleginnen und Kollegen am Graduiertenkolleg zur Literatur im Zeitalter der Digitalisierung keine Professorenkinder sind. Ist halt nicht viel mit Goethe im Internet.

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