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Peter Szondi war der junge Mann mit dem vollen Haupthaar, der Hornbrille und der Zigarette in der Hand, der seltsam schräg vor einer Waldkulisse sitzend abgelichtet wurde. Es ist das einzige Foto, das man von ihm findet. Ich kenne es nur, weil einige Kommilitonen es am Ende des Bachelors auf eine Partyeinladung gedruckt hatten. Goodbye Peter Szondi war es überschrieben. 1971 ertränkte er sich im Halensee. Seit 2005 trägt das von ihm gegründete, erste komparatistische Institut Deutschlands an der FU seinen Namen.

Ich habe fünf Jahre an dem nach ihm benannten Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft studiert und nie auch nur einen Text von Peter Szondi gelesen. Nur einmal etwas aus der „Theorie des modernen Dramas“, aber das war in der Theaterwissenschaft.

Bezeichnend dafür, wie wenig der Mann präsent war, dessen Name doch über allem stand, was am Institut gelehrt und geforscht wurde, ist die Tatsache, dass das Schild mit seinem Namen in roter Farbe übersprüht war: PETRA SZONDI. Ich fand das immer witzig, so als Kommentar auf die herrschenden Verhältnisse. Auf die Idee, dass die Schmiererei Ausweis eines Vatermords am übermächtigen Gründer des Hauses sein könnte, womöglich von Menninghaus eigener Hand, kam ich nicht. Es ist nämlich so, nicht nur Peter Szondi kam nicht vor, auch das, wofür er steht, eine selbstbewusste Literaturwissenschaft, die sich ihres Gegenstands (ja, Literatur) bewusst ist, ging in den notorisch theoretisch überfrachteten Seminarplänen meiner Studienzeit unter.

Heute habe ich Peter Szondi gelesen. Sein Essay „Über Philologische Erkenntnis“ ist in einem schmalen Suhrkamp Band Szondis „Hölderlin Studien“ vorangestellt. Zugegeben, ginge es um Hölderlin allein, hätte ich wohl abgewunken. Der Essay aber verabreicht Hölderlin nur in homöopathischen Dosen und er hat mir – ich sag das jetzt mal ganz unwissenschaftlich – wirklich gefallen: Aus Szondis Text spricht eine ungeheure Hellsichtigkeit, wenn es darum geht (und darum geht es ja immer), die Literaturwissenschaft als eigenständige Disziplin mit eigenständiger Methodik und eigenständigem Wissen zu begründen. Der über 40 Jahre alte Text kommt so heutig, in seiner Sprache so unaufgeregt daher, aus ihm spricht eine so aufrichtige Begeisterung für die Literaturwissenschaft und Bejahung des Fachs, dass ich einfach nur wünschte, ich hätte ihn früher gelesen.

Weil sich Szondis Sätze nicht unbedingt zum über den Schreibtisch hängen eignen, ich sie aber doch irgendwohin pinnen möchte, wo sie bestenfalls sogar noch jemand anderes findet, hier meine Peter-Szondi-Kalendersprüche. Danke, Peter.

 Über Literaturwissenschaft

„Die gelehrte Beschäftigung mit Werken der Literatur heißt auf Englisch ‚literary criticism‘, sie ist keine ‚science‘. Ähnlich verhält es sich im Französischen. Wenn auch das deutsche Wort ‚Kritik‘ für diesen Bereich kaum mehr zu retten ist, so wäre es doch vermessen, den englischen, amerikanischen und französischen Vertretern dessen, was das Wort in ihrer Sprache meint, Unwissenschaftlichkeit vorwerfen zu wollen. Daß sie ihr Geschäft nicht als Wissenschaft verstehen, zeugt vom Bewußtsein, daß die Erkenntnis von Werken der Kunst ein anderes Wissen bedingt und ermöglicht, als es die übrigen Wissenschaften kennen.“ (10)

„Was die Literaturwissenschaft gegenüber der Geschichtswissenschaft kennzeichnet, ist die unverminderte Gegenwärtigkeit auch noch der ältesten Texte. Während die Geschichtswissenschaft ihren Gegenstand, das vergangene Geschehen, aus der Ferne der Zeiten in die Gegenwart des Wissens, außerhalb dessen es nicht gegenwärtig ist, hereinholen muß und kann, ist dem philologischen Wissen immer schon die Gegenwart des Kunstwerks vorgegeben, an dem es sich stets von neuem zu bewähren hat.“ (11)

Philologisches Wissen

„Dem philologischen Wissen ist ein dynamisches Moment eigen, nicht bloß, weil es sich, wie jedes andere Wissen, durch neue Gesichtspunkte und Erkenntnisse ständig verändert, sondern weil es nur in der fortwährenden Konfrontation mit dem Text bestehen kann, nur in der ununterbrochenen Zurückführung des Wissens auf Erkenntnis, auf das Verstehen des dichterischen Wortes.“ (11)

„Das philologische Wissen darf also gerade um seines Gegenstands willen nicht zum Wissen gerinnen.“ (12)

„Kein Kommentar, keine stilkritische Untersuchung eines Gedichts darf sich das Ziel setzen, eine Beschreibung des Gedichts herzustellen, die für sich aufzufassen wäre. Noch deren unkritischster Leser wird sie mit dem Gedicht konfrontieren wollen, sie allererst verstehen, wenn er die Behauptungen wieder in der Erkenntnisse aufgelöst hat, aus denen sie hervorgegangen. Das zeigt sich besonders am Extremfall des hermetischen Gedichts. Interpretationen sind hier Schlüssel. Aber es kann nicht ihre Aufgabe sein, dem Gedicht dessen entschlüsseltes Bild an die Seite zu stellen. Denn obwohl auch das hermetische Gedicht verstanden werden will und ohne Schlüssel oft nicht verstanden werden kann, muß es doch in der Entschlüsselung a l s verschlüsseltes verstanden werden, weil es nur als solches das Gedicht ist, das es ist. Es ist ein Schloß, das immer wieder zuschnappt, die Erläuterung darf es nicht aufbrechen wollen.“ (12)

„… so kann doch die Lösung nicht darin bestehen, daß eine Doppeldeutigkeit, die dem Text selber angehört, aus der Welt geschafft wird. Die philologische Lösung darf sich nicht an die Stelle des Problems setzen, vielmehr muss der Satz des Sosias (aus Kleists Amphytrion, E.M.), sooft er vernommen wird, die Frage von neuem aufwerfen. In diesem Sinne war die These gemeint, philologisches Wissen sei perpetuierte Erkenntnis.“ (30)

Und! Jetzt! Alle!

„Noch einmal zeigt sich die Erkenntnisproblematik der Literaturwissenschaft darin, daß sie versucht ist, ihre Erkenntnis Kriterien zu unterwerfen, die, statt ihre Wissenschaftlichkeit zu verbürgen, sie gerade in Frage stellen, weil sie dem Gegenstand inadäquat sind. Die Literaturwissenschaft darf nicht vergessen, dass sie eine Kunstwissenschaft ist; sie sollte ihre Methodik aus einer Analyse des dichterischen Vorgangs gewinnen; sie kann wirkliche Erkenntnis nur von der Versenkung in die Werke, in ‚die Logik ihres Produziertseins‘ erhoffen. Dass sie dabei nicht der Willkür und dem Unkontrollierbaren anheimzufallen braucht, jener Sphäre, die sie manchmal mit einer merkwürdigen Geringschätzung ihres Gegenstands die dichterische nennt, muß sie freilich in jeder Arbeit von neuem beweisen. Dieser Gefahr aber ins Auge zu sehen, statt bei anderen Disziplinen Schutz zu suchen, schuldet sie ihrem Anspruch, Wissenschaft zu sein.“ (33/34)

Peter Szondi: Über philologische Erkenntnis. In: Ders.: Hölderlin-Studien. Mit einem Traktat über philologische Erkenntnis. Frankfurt/Main 1967, S. 9-34.

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