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Ich mach ja jetzt Sport. Also seit ich doktoriere. Denn was ich zu Studienzeiten stets geleugnet habe, war mit Antritt der Stelle an der Uni nicht mehr von der Hand zu weisen: ich übe eine sitzende Tätigkeit aus. Vermutlich bis in alle Ewigkeit. Anders als in Berlin ist man in Göttingen allmorgendlich auch derart schnell an seinem Arbeitsplatz angelangt, dass man den Arbeitsweg beim besten Willen nicht unter ‚Bewegung‘ verbuchen kann.

Also Sport. Ich mache das in einem Fitnessstudio, ein Umstand auf den mein Umfeld mit Ablehnung reagierte: Proleten und Hungerhaken, seien dort zu Haus, in jedem Fall aber Leute, die ein gestörtes Verhältnis zu ihrem Körper haben und statt zu essen, schleimige Drinks aus pulverisierten „Tierproteinen“ schlürfen. Andere sprachen davon, dass ich mich mit meiner Mitgliedschaft „dem kapitalistischen System unterwerfe“, welches mich eh schon dazu zwinge, eine verkümmerte Arbeit im Sitzen zu verrichten, was ich dann wiederum durch Arbeit an meinem Körper zu kompensieren versuche. Für diese Freizeit-Arbeit zahle ich dann sogar noch Geld. „Fun ist ein Stahlbad“, sagen Horkheimer/Adorno im Kulturindustrie-Aufsatz zu einem ähnlich gelagerten Verhältnis. Überhaupt dieser Drang zur Selbstoptimierung, den so ein Fitnessstudio einem aufzwingen würde: „Wenn du da erst eine Weile dabei bist, rechnest du dir jedes ‚keine Lust haben‘ und ‚Pizza vor dem Fernseher essen‘ als Versagen an!“, versicherte mir eine Freundin. Und: „Du glaubst doch nicht im Ernst, dass du es dir dann noch erlauben kannst, mal mit unrasierten Beinen rumzulaufen!“

Das mit dem Enthaarungsdruck ist im Fitnessstudio tatsächlich so eine Sache, sonst aber konnte ich keines der Vorurteile meiner intellektuellen Community bestätigen. Das Publikum ist durchmischt, nicht mehr Proleten oder Essgestörte als anderswo. Und auch Proleten können sehr nett sein. Ja, und der Kapitalismus und ich, wir kommen seit je her gut miteinander aus. De facto lernt man so Einiges an diesem Ort jenseits des Elfenbeinturms. Dass man bei h&m die Klamotten unterdessen vergessen kann, aber die Sportsachen was taugen. Dass es Leute gibt, die in der Sauna singen und andere, die dort gerne Gesichtsmasken auftragen. Dass Kopfweh vom Rücken kommen kann und eine Runde rennen gegen Bauchschmerzen hilft. Beeindruckt hat mich auch ein Trainer, der mir erklärte, dass der Mensch nun mal so programmiert sei, dass er bei Stress die Flucht ergreift. Jahrtausende lang sei das überlebenswichtig gewesen, nur heute würde man bei Stress brav an seinem Schreibtisch sitzen bleiben, was dazu führt, dass der Stress ebenfalls bleibt. Mir gefällt die Idee, bei Termindruck einfach mal wegzurennen. Und ich mach das auch, im Fitnessstudio auf dem Laufband oder beim Cycling. All wir Kopfarbeiter sollten viel mehr rennen. Oder zum deep work gehen. Oder zum hot iron. Ja, gut, die Namen der Kurse könnten mal ein germanistisches make-over vertragen.

 

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